Energiekrise: ein Thema, das uns alle betrifft.

Schwimmende Tankstelle im Mekong-Delta, Vietnam. Linh Pham für die New York Times
Es gibt kein Land, das von der durch den Krieg im Iran ausgelösten Energiekrise verschont geblieben ist. Angesichts steigender Benzinpreise in den Vereinigten Staaten und einer drohenden Knappheit an Flugbenzin in Europa sind die Auswirkungen weitreichend zu spüren. Außerhalb des Nahen Ostens sind die Folgen in Asien am stärksten zu spüren.
Preisbildung

Obwohl das geopolitische Risiko weiterhin hoch bleibt, orientiert sich die Preisbildung entlang der Öl- und Gaskurven nicht mehr an einer weiteren Eskalation, sondern daran, wann sich das System normalisieren wird. Derzeit ist diese Normalisierung bereits in den Terminpreisen (Forward-Kurven) eingepreist.
WTI-Öl wird in der Anfangsphase bei etwa 90 US-Dollar pro Barrel gehandelt, während die Kurve in den darauffolgenden zwei Jahren kontinuierlich in Richtung 70 US-Dollar pro Barrel abfällt. Brent folgt demselben Muster. Es handelt sich nicht um einen Markt, der strukturell höhere Preise erwartet, sondern um einen, der einen vorübergehenden Schock einpreist, der im Zeitverlauf abklingen dürfte.
Jüngste Umfragen der Federal Reserve (Kansas City, Dallas) zeigen eine klare Struktur: US-Schieferölproduzenten können bei rund 63 US-Dollar pro Barrel profitabel arbeiten, benötigen jedoch Preise um die 79 US-Dollar pro Barrel, um ihre Bohraktivitäten deutlich auszuweiten. Diese Unterscheidung ist entscheidend. Sie bedeutet, dass die aktuellen Terminpreise hoch genug sind, um die Produktion zu stützen, jedoch nicht ausreichend, um neue Förderaktivitäten anzustoßen.
In einem Zeithorizont von zwei Jahren bewegen sich die Preise genau zwischen der Rentabilitätsschwelle und der Expansionsschwelle. Die Produzenten haben keinen Anreiz, ihre Förderung zu reduzieren, aber auch keine Dringlichkeit, sie zu erhöhen.
Das Verhalten der Unternehmen bestätigt diesen Trend. Jüngste Prognosen und Kommentare weisen in dieselbe Richtung: Die Investitionsausgaben bleiben an die bestehenden Pläne gebunden. Die Preisvolatilität führt nicht zu steigenden Investitionen.
Beim Erdgas zeigt sich ein ähnliches Bild, mit einigen regionalen Unterschieden.
In Europa bleiben die Preise kurzfristig erhöht, was das verbleibende Risiko und ein engeres Marktgleichgewicht widerspiegelt. Dennoch fällt die Kurve über einen Zeitraum von zwei Jahren ab, was erneut eher auf eine Normalisierung als auf ein anhaltendes Stressszenario hindeutet.
Zusammenfassend
lässt sich sagen, dass die Preise hoch genug sind, um das Angebot aufrechtzuerhalten, jedoch nicht hoch genug, um es zu verändern. Die Märkte gehen davon aus, dass sich die Lage im Nahen Osten im Laufe der Zeit lösen und normalisieren wird – auch wenn derzeit unklar ist, wie lange dieser Prozess dauern wird.
Wie reagieren die Finanzmärkte?

Erwartungen bleiben robust
Die Bewertungen am US-Aktienmarkt haben sich deutlich angepasst. Das Forward-Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des S&P 500 liegt derzeit bei etwa 19,5x und damit unter dem Fünfjahresdurchschnitt von rund 20,1x.
Trotz des Rückgangs der Bewertungen bleiben die Gewinnrevisionen positiv, insbesondere für die Jahre 2026 und 2027, wobei sich das Wachstum vor allem auf großkapitalisierte Titel und den Technologiesektor konzentriert.
Die Erwartungen bleiben somit robust, mit einem für den weiteren Jahresverlauf prognostizierten zweistelligen Gewinnwachstum. Diese Schätzungen erscheinen insofern bemerkenswert, als der Konflikt im Nahen Osten zahlreiche Sorgen hinsichtlich der Zukunft der globalen Wirtschaft mit sich gebracht hat.
USA und der Rest der Welt
Die Vereinigten Staaten, die in energetischer Hinsicht weitgehend autark sind, befinden sich in einer deutlich anderen Lage als der Rest der Welt – insbesondere Europa und Asien – und dürften von dem Konflikt abgesehen von vorübergehenden inflationären Effekten nicht wesentlich negativ betroffen sein. Der Anstieg der Gas- und Ölpreise kann darüber hinaus auch zusätzliche Vorteile für Unternehmen bringen, die diese Energierohstoffe exportieren.
Margentreiber Technologiesektor

Es ist vor allem der Technologiesektor, der die Margenausweitung vorantreibt. Große US-Multinationale zählen seit einigen Jahren zu den Unternehmen mit den höchsten Gewinnmargen, trotz erheblicher Investitionen im Bereich der künstlichen Intelligenz.
Betrachtet man nämlich die Produktivität der Unternehmen im führenden US-Aktienindex, so zeigt sich, dass diese in den letzten Jahren stabil und relativ konstant geblieben ist.
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